Geschichtsverein Griesheim e. V.

Straßennamen

Alte Falterstraße

Alte Falterstraße, Blick von Alt Griesheim ~ 1920

Betrachteten wir uns im ersten Teil unserer Serie die "Mutter" aller Straßen, Alt Griesheim, so möchten wir unser Augenmerk jetzt auf die "älteste Tochter" richten: die Alte Falterstraße. Auf einer Karte von 1693, auf der das "Dorff Griesheim" und die Umgegend festgehalten sind, erkennen wir nur drei Straßen, die unsere Gemarkung durchziehen: die "Hohe Landtstraß nach Frankfurt (Mainzer Landstraße), den "Griesheimer Weg", der aus dem Dorf heraus nach Nordosten führt und heute nicht mehr existiert, sowie die alte Hauptstraße, die von Nied kommend den Ort durchzieht. Ein erster Hinweis auf Wege, die vom damaligen östlichen Dorfrand aus nach Norden führen, findet sich auf einer Karte von 1736. Hier läßt sich bereits der heutige Verlauf der Straße nachvollziehen. Ganz deutlich, und diesmal auch als richtige Straße eingezeichnet, ist die heutige "Alte Falterstraße" auf der ersten maßstäblichen Karte von 1810 zu erkennen. In diesen Zeitraum fällt auch der Beginn der Ausdehnung Griesheims nach Norden hin. Zunächst befindet sich auf der linken Straßenseite, wo heute die Segenskirche steht, lediglich der erste Griesheimer Friedhof von 1815. Erste Wohngebäude entstehen ab 1828, was zur Folge hat, daß der Friedhof damit in den Ortskern rückt und geschlossen werden muß.
Erstaunlich ist, daß die Straße im Gebäudekataster, das von 1822 bis 1850 geführt wurde, unter drei verschiedenen Bezeichnungen vermerkt ist: Vaterstraße, Felderstraße und schließlich Falterstraße. Die Herkunft des Namens "Falterstraße" hat schon in früheren Zeiten für Verwirrung und Kopfzerbrechen gesorgt. Wir möchten Ihnen die verschiedenen Erklärungsversuche nicht vorenthalten, spiegeln sie doch den Ernst der über dieses Thema geführten Diskussionen wider. Zeitweise glaubte man, Griesheim wäre einst befestigt gewesen, und der Name "Falterstraße" erinnere an ein Falltor, das an dieser Stelle gestanden haben könnte. Eine andere Version geht davon aus, die Straße wäre nach den Faltergärten benannt, die zu beiden Seiten der Straße lagen, und das Wort komme vom altdeutschen Wort "aphaltrahi", was Apfelbaum heißt. Somit hätte man es mit einer durch ein Apfelbaumgrundstück führenden Straße zu tun. Die plausibelste Erklärung aber ergibt sich aus einer alten Aufzeichnung, die wir leicht gekürzt zitieren:" Im Jahre 1599 war Wilhelm Ernst Hofmann auf dem Rebstock. Seit ihm denkt, war am Hof nahe der Mauer ein Falter, dem Vieh seinen Lauf ins besamte Feld zu nehmen, es abzuwehren, angebracht gewesen, der auch bis jetzt in stetem Bau und Besserung gehalten und noch niemals etwas dagegen geredet worden ist. Dieser Tage habe er nun diesen Falter von einem hanauischen Untertanen um Lohn reparieren und aufrichten lassen. Da sei nun der Schultheiß Jakob Rechmann von Nied nachts den 25. April 1599 auf den Rebstock gekommen und habe den Falter abhauen lassen."
Ein Falter ist also eine Absperrung gewesen, die verhinderte, daß das Vieh sich auf den Feldern zu schaffen machte.
Die Falterstraße entwickelte sich im Lauf der Zeit zu einer ebenso lebendigen Straße, wie die Hauptstraße und die nach ihr angelegten Straßen. Eine Vielzahl an Geschäften und Werkstätten siedelte sich an. Das Adreßbuch von 1901 gibt uns hierüber einen umfassenden Überblick. So wirbt Albert Megerle für seine "Erste Griesheimer Mastochsenschlachterei mit Dampfbetrieb". Das "Reichhaltige Lager in Cigarren" findet man bei Georg Krommes, und wem nach Gebäck zumute ist, bekommt bei Karl Saur "frisches Theegebäck" und "Ia. Friedrichsdorfer Zwieback aus reiner Naturbutter". Bei Eduard Pfrang, der sich im "Haarschneiden, Rasiren und Frisiren" empfiehlt, kann man nebenbei noch seine Feuerversicherung ab schließen und danach in der Wirtschaft "Zur neuen Anlage" bei Nikolaus Sachs "Prima Lagerbier" genießen.