Geschichtsverein Griesheim e. V.

Geschichtliches

Eingemeindung

75 Jahre „Frankfurt-Griesheim“: Aus der Not eine Tugend gemacht?

So, wie viele ehemals selbständige Gemeinden, wurde auch Griesheim am 1. April 1928 ein Stadtteil Frankfurts. Anläßlich dieses Jubiläums im Jahr 2003 berichtete eine Frankfurter Tageszeitung hierüber, und es wurde als Grund genannt, dass Griesheim einen starken Partner (Frankfurt) brauchte, um die Errichtung eines großen Abstellbahnhofes der Deutschen Reichsbahn östlich der Waldschulstraße abzuwenden. Der Geschichtsverein Griesheim e V. setzte sich mit dem „Warum“ allerdings kritischer auseinander, und dabei stieß man auf eine Vielzahl anderer, plausiblerer Gründe für die Eingemeindung nach Frankfurt. Griesheim stand, finanziell gesehen, das Wasser sprichwörtlich bis zum Halse. Der Gemeindehaushaltsplan von 1927, dem Vorjahr der Eingemeindung, wies eine dramatische Schieflage aus. Dem ging eine Entwicklung voraus, die der Geschichtsverein Griesheim e.V. nach sorgfältigem Aktenstudium anders nachvollziehen kann. So hatte sich der Schuldenstand der Gemeinde Griesheim innerhalb von sechs Jahren (1914 – 1920) mit 3,9 Millionen Reichsmark mehr als verdoppelt. Dies beruht maßgeblich auf Kriegsanleihen von 1,8 Millionen RM, die Griesheim aufnehmen musste. Hinzu kamen Kosten für die Behebung der Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg von 1,7 Millionen RM. Perspektiven für einen Abbau dieser Schuldenlast schwanden im Laufe der 20er Jahre hingegen immer mehr. Seitdem Griesheim 1919 von der Französischen Rheinarmee besetzt wurde und Grenzort war, verlagerte die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron immer mehr Produktionsbetriebe, die gesamte Forschungsabteilung und letztendlich ihren Hauptsitz ins unbesetzte Bitterfeld.
Die Gewerbesteuereinnahmen brachen drastisch ein. Entsprechend stieg die Arbeitslosenquote auf 10% im Jahre 1924, als auch noch die komplette Anorganika-Produktion im Werk eingestellt wurde. Da die Französische Besatzungsmacht zudem beliebig die Grenze nach Frankfurt sperrte, konnten die Griesheimer auch oft ihre Arbeitsstätte in Frankfurt nicht mehr erreichen. In der Griesheimer Bevölkerung wuchs der dringende Wunsch nach einer Änderung der Zustände.
Es war die Not, die Griesheim in die Arme Frankfurts trieb, und so wird auch verständlich, weshalb die Forderungen der Griesheimer an die Stadt Frankfurt im Eingemeindungsvertrag deutlich bescheidener ausfielen als die anderer Gemeinden. Der geplante Abstellbahnhof der Reichsbahn war allenfalls noch der Tropfen, der das Faß vollends zum Überlaufen brachte. Der Geschichtsverein Griesheim e.V. widmete sich dem Thema anlässlich des Mainuferfestes 2003.