Geschichtsverein Griesheim e. V.

Geschichtliches

Staustufe Griesheim

Staustufe Griesheim, Blick von Westen

Schon seit der Ansiedlung der ersten Menschen am Main war der Fluß ein beliebter Verkehrsweg, war er doch bequemer und sicherer als die noch sehr schlechten. Wegverbindungen in unserer Gegend. Daß es bereits in der Vor- und Frühgeschichte Schiffsverkehr auf dem Main gab, beweist der Fund eines Einbaums im östlichen Teil unserer Gemarkung. Die Einbaumstraße erinnert heute daran.
Der Main diente im Mittelalter sowohl der Personenbeförderung, wenn der Kaiser und sein Gefolge nach Frankfurt zogen, alsauch zur Lastenbeförderung, wenn in Frankfurt Messe abgehalten wurde. Die von Mainz kommenden Marktschiffe mußten zunächst in Höchst am Zollturm Station machen. Auch zu Zeiten, in denen keine Messe stattfand, herrschte ein reger Schiffsverkehr zwischen Frankfurt und den Rheinstädten Worms, Mainz und Straßburg.
Da sich während der Industrialisierung (in Griesheim ab 1823) ein rasanter Aufschwung des Schiffsverkehres abzeichnete, beschlossen die damaligen Mainstaaten Bayern, Preußen, Baden und Hessen-Darmstadt am 1. Februar 1883 den Bau von fünf Staustufen zwischen Kostheim und Niederrad. Zusätzlich galt es, der immer größer werdenden Konkurrenz durch die Eisenbahn mitzuhalten.
Die Staustufen wurden als Nadelwehre angelegt. Hierbei handelte es sich um Stauwände aus Holzbalken, die mit Schleusen versehen waren. Hauptzweck der Stauanlagen war die Beruhigung des Flusses und die Vergrößerung der Fahrtiefe, so daß auch die größeren Rheinschiffe bis Frankfurt fahren konnten.
Noch sah man selten Dampfschiffe auf dem Main. In der Regel wurden Lastkähne von Pferden flußaufwärts gezogen. Dabei bewegten sie sich auf Lein- oder Treidelpfaden; ein Solcher befand sich auf dem Schwanheimer Ufer. Erst in den späten 1880er Jahren wurden die Lastkähne vermehrt von Schleppdampfern gezogen, wodurch man in einem einzigen Lastkahn bis zu 1.500 Tonnen Fracht transportieren konnte - die Wettbewerbsfähigkeit zur Eisenbahn war wieder hergestellt. Für die Beförderung dieser Tonnage waren damals immerhin 150 Eisenbahnwagen erforderlich.
Am 1. Oktober 1886 begann man den Bau des Frankfurter Westhafens, in dem Kohle, Getreide, überseeische Hölzer, Eisen, Harz, Futter- und Düngemittel später die Hauptumschlagsgüter darstellten. Wieder erhöhte sich das Frachtaufkommen auf dem Main.
Als in der Zeit des ersten Weltkrieges ein Mangel an Kohle eintrat, der nicht nur die hiesige chemische Industrie empfindlich traf, sondern auch die Gaswerke zur Versorgung der Bevölkerung mit Stadtgas, mußte man sich ernste Gedanken darüber machen, wie man den Main noch effektiver zur Güterbeförderung nutzen konnte. Es sollte jedoch noch bis 1926 dauern, bis der Frankfurter Verkehrsdezernent feststellte, daß "die Nadelwehre ein Hemmnis für die moderne Mainschiffahrt sind". So begann man mit der Planung neuer Staustufen am Untermain - die erste sollte in Griesheim am Main entstehen.
Weshalb aber war gerade Griesheim als Standort für eine der neuen Staustufen ausgewählt worden?
Bei den Planungen stellte sich nach und nach heraus, daß die Anlage eine Gesamtlänge von 1,4 Kilometern erreichen würde. Es bedurfte demnach einer übersichtlichen Stelle, von der aus man später den oberen und unteren Flußlauf gut übersehen konnte.
Eine solche Stelle befindet sich zwischen Griesheim und Schwanheim, wo der Main eine leichte Linkskrümmung aufweist. Mit einem Durchstich auf dem Schwanheimer Ufer konnte man die beiden Doppelschleusen anlegen. Die Doppelschleusen brachten den entscheidenden Vorteil mit sich, daß man eine der Kammern - zum Beispiel für Wartungsarbeiten - sperren konnte, ohne daß der gesamte Verkehr zum Erliegen kommen mußte. Auch gab es hier Platz genug, um die Schleusen mit einer Länge von 344 Metern und die Vorhäfen mit einer Länge von jeweils 500 Metern anzulegen.
Nachdem die Planung des Bauwerkes stand und der geeignete Ort gefunden war, wurde 1928 zunächst mit der Errichtung des Werkswohngebäudes auf dem Südufer begonnen. Hier war während der Bauphase zugleich die Bauleitung untergebracht.
Während der Bauzeit der neuen Staustufe aber durfte der Verkehr keinesfalls zum Erliegen kommen. Das Schiffsaufkommen betrug zu dieser Zeit etwa 17.000 Schiffe pro Jahr. Das waren, ohne die schiffahrtsfreien Sonn- und Feiertage gerechnet, ungefähr 57 Schiffe täglich!
Daneben war der Hochwasserabfluß sicherzustellen und der Eisgang im Winter durfte ebenfalls nicht unterbrochen werden.
Im Juli 1929 begann dann der Bau der beiden Schleusenkammern. An Ihnen wurde während der gesamten Bauzeit gearbeitet, da ihre Errichtung den größten Aufwand darstellte.
Im Sommer 1930 errichtete man, ebenfalls auf der linken Mainseite, den Rohbau für die Kraftwerkshalle. Die Höhe der Halle beträgt 55 Meter, da sichergestellt sein muß, daß die Turbinenachsen mit einem an der Hallendecke angebrachten Laufkran in voller Länge aus den Schächten gezogen werden können. Drei sogenannte Kaplanturbinen versehen ihren Dienst. In einem Anbau an der Westseite der Halle richtete man die Schaltzentrale ein.
Nach und nach entstanden die Wehrpfeiler, der Fußgängersteg, die kleine Bootsschleuse am Griesheimer Ufer sowie die Fischtreppe. Mitte 1932 baute man dann die drei Walzen mit einer Länge von jeweils 40 Metern ein. In der Nacht vom 9. auf den 10. September 1932 konnte schließlich mit dem Aufstauen des Flusses begonnen werden. Am 10. September wurde eine Inspektionsfahrt des Preußischen Wasserbauamtes durchgeführt, die als erste offizielle Fahrt durch die neue Schleuse angesehen werden kann.
Zwei Tage später wurde das alte Nadelwehr in Niederrad gesprengt. Noch heute werden die Schleusenkammern dieses Wehres genutzt. Im flußaufwärts gelegenen Vorhafen befindet sich das Strandbad mit angeschlossenem Campingplatz, während der flußabwärts gelegene Teil dem Wasser- und Schiffahrtsamt Aschaffenburg als Hafen für Wartungsschiffe dient. Diese Anlagen befinden sich Am Mainfeld in Niederrad.
Auch das alte Höchster Nadelwehr wurde beseitigt - jedoch gestaltete sich dies erheblich schwieriger, als zunächst angenommen. Der Termin für die Eröffnung der Staustufe Griesheim konnte infolgedessen nicht eingehalten werden. Samstags und sonntags wurde sogar des nachts in Höchst noch gearbeitet.
Am 30. September des Jahres 1932 war es dann endlich soweit; die offizielle Eröffnung konnte stattfinden.
Ein riesiges Festprogramm lief ab. Die geladenen Ehrengäste fuhren um 11.45 Uhr mit dem Dampfschiff vom Eisernen Steg ab. Um 12.30 Uhr fand ein Festakt im Kraftwerkshaus statt. Ludwig Landmann, damaliger Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, wußte es besonders zu würdigen, daß in einer wirtschaftlich derart schwierigen Zeit ein so großes Bauvorhaben, an dem über 400 Firmen beteiligt waren, durchgeführt werden konnte. Schließlich hatte der Bau der Staustufe insgesamt runde 19.000.000 Reichsmark verschlungen. Anschließend war die Anlage zur Besichtigung freigegeben.
Um 13.30 Uhr zerriß das Motorschiff "Lohengrin" mit den Ehrengästen an Bord das vor der Schleuse gespannte Band. Nach der Rückfahrt fand in Frankfurt ein gemeinschaftliches Mittagessen auf Kosten der Teilnehmer im Rathaus statt, das trockene Gedeck zu RM 2,50. Leider war man während der Bauzeit nicht von Unfällen verschont gewesen.Am 17. Juni 1932 verunglückte der Arbeiter Josef Keller aus Marxheim tödlich. Eine bronzene Gedenktafel, angebracht am Kraftwerkshaus, erinnert uns heute daran.
Ein weiterer Gedenkstein befindet sich auf der östlichen Schleuseninsel. Er erinnert an die in den beiden Weltkriegen umgekommenen Beschäftigten des Wasserbauamtes.
Im Zweiten Weltkrieg blieb die Staustufe nicht verschont. Zwei Tage vor dem Einrücken amerikanischer Truppen, am 25.3.1945, sprengten deutsche Truppen die Autobahnbrücke und die Staustufe. Große Schäden können jedoch hierbei nicht entstanden sein, denn der Griesheimer Arzt Dr. med. Walter Jonas notiert in seinem Tagebuch:" Am 25.3. unsinnige Sprengung aller Mainbrücken. Ich verhindere größeren Schaden an der Staustufe. Ein Soldat namens Franz Rorske geht auf meine Intuitionen ein." So ist wohl auch zu erklären, daß das Kraftwerk eines der ersten war, das nach dem Ende der Kampfhandlungen am 27.3.1945 wieder Energie liefern konnte.

Zum Schluß sollen noch einige Daten aufgeführt sein:
Anzahl der durchschleusten Fahrgastschiffe 1989: 641
Anzahl der durchschleusten Kleinfahrzeuge 1989: 4.014
Durchschleuste Ladungstonnen 1989: 12.192.571
Erzeugte Kilowattstunden 1980: 38.424.672
Bauzeit der Staustufe: 3 Jahre
Länge der Schleusenkammern: ca. 344 m
Breite der Schleusenkammern: 12 m / 15 m
Länge der Vorhäfen: ca. 500 m
Länge der Wehrwalzen: je 40 m

Literaturhinweise und Quellennachweis

Geschichte der Gemeinde Griesheim am Main, Julius Brumm, Eigenverlag 1922;

Zeittafeldokumentation Griesheim, Johannes Ickstadt, Eigenverlag 1978;

Griesheim in Kriegszeiten 1534 - 1945, Johannes Ickstadt, Eigenverlag 1990;

Staustufe / Schleuse / Wasserkraftwerk Griesheim, Johannes Ickstadt, Eigenverlag 1991;

Frankfurter Lesebuch für Fortbildungsschulen, Hermann Neuschäfer, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt 1906;

Der Weltverkehr und seine Mittel, verschiedene Autoren, Verlag von Otto Spamer, Leipzig 1901;

Bildarchiv Geschichtsverein Griesheim, Frankfurt-Griesheim.